Reiseleiter Edwin am Wasser

Interview mit Edwin Fernandez

12.06.2018 | Erstellt von Kathrin Wortmann |
Kategorie
Allgemeines
Costa Rica

Ende Mai war unser costa-ricanischer Reiseleiter Edwin gemeinsam mit seiner Tochter Mariella zu Besuch bei uns in Südbaden. Er betreut vor allem unsere Gruppenreisen in Costa Rica und erzählt in einem ausführlichen Interview, wie er zu seiner heutigen Passion kam, was er an seinem Land so liebt und wie er zum Thema nachhaltigen Tourismus steht.

1.    Edwin, herzlich willkommen in Südbaden! Erzähle uns ein wenig von Dir: Wer bist Du und was machst Du bei travel-to-nature? Wie bist Du zum Tourismus gekommen?

Hola! Mein Name ist Edwin, und ich arbeite seit fünf Jahren als Reiseleiter von travel-to-nature. Geboren bin ich in Montezuma an der Pazifikküste, heute bekannt als „Aussteigerparadies“. Hier hat der erste Tourismus in Costa Rica stattgefunden! Als kleiner Junge bin ich von dort aus immer zwei Stunden zu Fuß in die Schule gelaufen, die mitten in der wilden Natur lag. Und später habe ich 15 Jahre lang im Wald gelebt, was für meine Naturverbundenheit wahnsinnig prägend war. Während dieser Zeit war mein Vater für einen amerikanischen Wissenschaftler tätig – das war so ein richtiger Hippie. Durch den Kontakt zu ihm habe ich das Studium der Naturwissenschaften (Management of Natural Sciences and Resources) aufgenommen; unterrichtet wurde ich u.a. in Biologie und Botanik, aber auch in den Fremdsprachen Englisch und Deutsch. Außerdem habe ich Tourismus am Instituto Nationale studiert, wo mir wertvolles Wissen vermittelt wurde. Damals war mein Ziel überhaupt nicht, Reiseleiter zu werden – ganz im Gegenteil, ich wollte Bücher auf Deutsch lesen können, weil in dieser Sprache so viele tolle Bücher über die Tierwelt existierten. Nach meinem Studium traf ich zufällig einen alten Schulfreund wieder, der von seiner Arbeit als Reiseleiter schwärmte. Mit meinem umfangreichen Wissen über die costa-ricanische Natur, den theoretischen Kenntnissen der Biologie und den Fremdsprachen hat er mir einen Job als Tourguide vermittelt. Zuerst habe ich Tagesausflüge in die Nationalparks begleitet und zu den Vulkanen, nach Monteverde sowie Tortuguero. Später kamen Touren über mehrere Wochen hinzu. Während meiner ersten Rundreise mit Besuchern aus Deutschland habe ich sehr schnell gemerkt, dass das Führen von Gästen mir unglaublich viel Spaß bereitet. Mittlerweile kann ich sagen, dass es zu einer richtigen Passion geworden ist. Ich empfinde es als bereichernd, unterschiedliche Menschen aus aller Herren Länder kennenzulernen und internationale Freundschaften zu schließen. Ihr von travel-to-nature seid inzwischen wie Familie.

2.    Du bist selbst in Costa Rica geboren und aufgewachsen. Was möchtest Du unseren Reisegästen ganz besonders von Deinem Land vermitteln?

Wir Ticos [ugs. für Costa-Ricaner] sind sehr offen und gastfreundschaftlich. Für mich persönlich ist es wichtig, dass die Gäste unsere Herzlichkeit mit nach Hause nehmen. Costa Rica ist ein sehr liberales und sicheres Reiseland. Bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen hat es sogar ein wirklich toleranter, junger Politiker an die Spitze unseres Staates geschafft. Wir lieben unsere vielseitige, üppige Natur mit ihren Nebel- und Regenwäldern, den kargen Vulkanlandschafen und den weiten Küstenstreifen an Pazifik und Karibik mit den wunderschönen Stränden. Wir sind stolz darauf, 30% des gesamten Landes unter Naturschutz gestellt zu haben! Rainer von travel-to-nature hat mir erzählt, dass es in Deutschland lediglich 2% sind. Fast das ganze Jahr über beziehen wir unseren Strom zu 100% aus der Natur, weshalb Costa Rica zurecht als Vorreiter des nachhaltigen Tourismus in Mittelamerika gilt. Tamara und Kathrin, Ihr habt mich heute Morgen um ein Statement in diesem Zusammenhang gebeten. Es würde wohl wie folgt lauten: „Die Deutschen können von den Ticos lernen, was den Natur- und Artenschutz betrifft, wenn sie unser Land besuchen. Die meisten Gäste stehen dieser Thematik auch sehr aufgeschlossen gegenüber, verhalten sich aber zurück in der Heimat oftmals anders. Ich erachte die gemeinsame, globale Zusammenarbeit als überaus wichtig – ganz besonders, was unsere Kinder betrifft“ [Anm. d. Red.: Edwin ist selbst Vater einer 13-jährigen Tochter].

3.    Als Reiseleiter bringst Du unsere Kleingruppen nach La Tigra, ein Örtchen in der Nähe des Vulkans Arenal und eine Oase inmitten der Natur. Wo noch vor zehn Jahren eine dünn bewaldete Fläche war, befindet sich heute ein Ort des Rückzugs und der Entspannung. Wie erlebst Du die Menschen, wenn sie in unberührter Natur übernachten und den Regenwald hautnah spüren?

Wenn die Touristen das erste Mal hier sind, zeigen sie sich meist etwas scheu. Adolfo, der Manager der Regenwald-Lodge, erklärt ihnen dann die Idee, das Konzept, berichtet von seinen Gedanken. Und er erklärt ihnen ausführlich den nachhaltigen Charakter dieser außergewöhnlichen Unterkunft. Einige Besucher aus Deutschland haben anfangs etwas Angst vor der gewaltigen Natur – bis sie die Frösche und anderen Bewohner der Tierwelt entdecken. Fast alle Gäste sagen kurz vor der Abreise, dass sie lieber noch einen Tag länger in der La Tigra Rainforest Lodge geblieben wären. Wer individuell mit travel-to-nature nach Costa Rica reist, kann auch von Vornherein einen mehrtägigen Aufenthalt auf La Tigra einplanen.

4.    Was sind Deine Ziele, insbesondere im Hinblick auf den Naturschutz in Costa Rica?

Unser System muss verbessert werden. Naturschutz kostet viel Geld. Wir haben Probleme mit Müll, Abfall, Recycling. Plastikflaschen werden in Costa Rica nicht recycelt. travel-to-nature macht das auf den Reisen gut. Die Gäste bekommen bei Ankunft eine Wasserflasche geschenkt, die sie während der Tour immer wieder auffüllen können. Für die Busse kaufen wir hygienisch versiegelte Wasserkanister, die mehrere Liter umfassen. In Deutschland seid Ihr diesbezüglich schon viel weiter als wir. Mir ist auch aufgefallen, dass viele Leute mit dem Rad oder Zug fahren. Ich finde diese Transportmittel richtig gut, sowas haben wir in meinem Heimatland nicht, das sollten wir uns als Vorbild nehmen.

5.    Warum ist travel-to-nature ein Spezialist für Naturreisen? Wie kommen die Reisenden, die Du seit fast 20 Jahren durch Dein Land fährst, in Kontakt mit weiteren Einheimischen?

In Costa Rica wie auch in anderen Ländern arbeitet travel-to-nature mit kleinen Firmen zusammen. Das hat den Vorteil, dass man direkt mit den Chefs sprechen kann, die Dienstwege sind sehr kurz. Zu allen Partnern besteht ein familiäres Verhältnis, das über viele Jahre gewachsen ist. Viele Mitarbeiter in Costa Rica kennen Euer Team in Heitersheim. Dieser persönliche Kontakt ist für eine vertrauensvolle, erfolgreiche Geschäftsbeziehung sehr wichtig. Die Wertschöpfung kommt da an, wo sie hingehört. Und Eure Gäste haben auf jeder Reise unmittelbaren Kontakt mit der Natur – egal, wo in Costa Rica sie sich bewegen. Bei Otto sind wir z.B. zum Mittagessen eingeladen. Er führt uns barfuß über seine Finca. Gemeinsam mit seiner Frau pflanzt er viele Obstbäume in seinem Garten an. Otto erklärt uns dann, warum die Natur unser Freund und nicht unser Feind ist. Ich finde das richtig gut, mein Vater war auch ein Campesino (Bauer). Während einer Reise legen wir immer wieder einen Stopp bei Einheimischen ein, besuchen mein Lieblingsrestaurant, halten an Früchteständen etc.

6.    Warum gibt es dann Stimmen, die behaupten, dass die Reisen von travel-to-nature teurer seien als bei anderen Veranstaltern?

Ich vermute, das liegt daran, dass sie die Leistungen nicht richtig vergleichen und auf den ersten Blick nur der Preis ins Auge springt. Ja, Qualität hat seinen Preis! Euer Unternehmen kenne ich schon sehr lange und weiß auch, wie meine Landsleute über travel-to-nature denken. Und zwar sehr positiv! Ihr bezahlt Eure Partner in Costa Rica fair und achtet auf die Arbeitsbedingungen. Es werden – wo immer möglich – kleine, meist inhabergeführte Unterkünfte gebucht. Die Reisenden übernachten in Öko-Lodges, die nah am Meer oder mitten im Wald liegen und häufig für ihr nachhaltiges Wirtschaften mit „Green Leaves“ ausgezeichnet sind. Für Euch und uns ist die Lage in der Natur viel wichtiger als der günstigste Preis, den man bei Massenhotels bekommt. Eure Kunden wünschen sich den Kontakt zu Einheimischen, sodass wir z.B. gemeinsam kochen. Dafür erhalten die Ticos natürlich etwas Geld, sie kaufen ja vorher auch die ganzen frischen Lebensmittel ein, sofern diese nicht aus dem eigenen Garten stammen. Oder wir engagieren lokale Reiseleiter, die in der Vogelbeobachtung spezialisiert sind. Eure Gäste lieben die Natur und sie besuchen viele unterschiedliche Nationalparks auf jeder Tour, für die Eintrittsgebühren zu zahlen sind.

7.    Was hast Du bisher bei Deinem Aufenthalt in Deutschland entdeckt und was möchtest Du noch unternehmen, solange Du hier bist?

Es ist sehr schön bei Euch im Sommer, ganz sonniges Wetter und so warm wie bei uns Zuhause. Zuerst haben meine Tochter Mariella und ich Dänemark besucht, danach waren wir zu Gast bei der Familie von Marlies an der Ostsee, die ich schon mehrmals durch Costa Rica geführt habe. Daraus ist eine langjährige Freundschaft entstanden. Die Gäste von travel-to-nature sind die nettesten von allen: offen, freundlich und an Naturschutz interessiert! Nach Rostock und Berlin sind wir zu Euch nach Süddeutschland gefahren. Von Heitersheim aus konnten wir einen Abstecher nach Basel in die Schweiz machen. Hier in der Gegend habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Stockente gesehen! Vier Kraniche, einige Schwäne und sogar Ringelnattern konnte ich beobachten. In den nächsten Tagen möchte ich gern mit meiner Tochter aufs Matterhorn – wir Ticos kennen keinen Schnee und ich bin sehr gespannt, wie das aussieht…

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Edwin für das Interview am 29.05.2018 an unserem Firmensitz in Heitersheim in Südbaden.

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