Es gibt diese Momente, die sich nicht planen lassen. Momente, die weder von perfekter Technik noch von der richtigen Kamera abhängen, sondern einfach passieren. Für Marcel Gerson sind genau das die Augenblicke, die zählen.
Er lebt in Berlin, kommt ursprünglich aus Bremen und ist viel unterwegs – als Biologe, Gutachter, Expeditionsguide und zunehmend auch als Fotoreiseleiter. Ein Leben zwischen Stadt und Wildnis, zwischen wissenschaftlicher Arbeit und intensiven Naturerlebnissen. Ein klassischer Arbeitsalltag sieht anders aus. Und genau das spürt man sofort, wenn er erzählt.
Marcel bewegt sich ständig zwischen unterschiedlichen Welten. Unter der Woche ist er in Deutschland unterwegs, kartiert Tierarten, bewertet Lebensräume, arbeitet im Naturschutz. Und kurz darauf steht er an Orten, die für viele wie eine andere Welt wirken – in der Arktis, auf Expeditionsschiffen oder im südlichen Afrika. Für ihn selbst fühlt sich dieser Wechsel erstaunlich selbstverständlich an. Begeistern kann er sich sowohl für Königspinguine in Südgeorgien wie auch für heimische Feldhamster oder Unken.
Die Fotografie kam nicht plötzlich in sein Leben, sondern hat sich über Jahre hinweg entwickelt. Bereits in Kindheitsjahren hat ihn die Fotografie fasziniert, aber erst in den letzten Jahren wurde sie zu einem festen Bestandteil seines Alltags. Nicht, weil er gezielt den Beruf des Fotografen angestrebt hat, sondern weil er gemerkt hat, wie viel Zeit und Energie er ganz selbstverständlich darin investiert. Es war weniger eine bewusste Entscheidung als ein schleichender Prozess.
Einer der prägendsten Momente seiner Reisegeschichte hatte zunächst gar nichts mit Fotografie zu tun. Als er zum ersten Mal Eisbären sah, hatte er keine Kamera dabei. Er konnte den Augenblick nicht festhalten – nur erleben. Ein Jahr später kehrte er zurück. Gleicher Ort, dieselbe Bärin mit Jungtieren, diesmal mit Kamera. Die Bilder, die dort entstanden sind, sind technisch nicht perfekt. Und dennoch war dies einer der prägendsten Momente für ihn – weil sie mehr sind als ein gelungenes Foto. Das Festhalten einer Erinnerung und einer Entwicklung.
Ein anderes Erlebnis zeigt, wie unberechenbar und überraschend Natur sein kann. Im Okavango-Delta, eigentlich keine idealen Bedingungen: grelles Licht, schwierige Situationen. Und doch wurde genau daraus einer der eindrücklichsten Augenblicke. Ein großer Elefantenbulle steht im Wasser – ein Motiv, das eigentlich alles überstrahlt. Doch dann landet ein kleiner Eisvogel direkt neben dem Boot, taucht ins Wasser, kehrt mit einem Fisch zurück und bleibt für einen kurzen Moment ganz nah. Plötzlich verschiebt sich der Fokus. Nicht der Elefant ist entscheidend, sondern dieser eine kurze Moment.
Natürlich spielt Technik eine Rolle. Ohne ein gewisses Verständnis dafür entstehen keine guten Bilder. Doch sie ist nur ein Teil davon. Mindestens genauso wichtig ist die Erfahrung – zu wissen, wo man sein muss, wann sich Situationen entwickeln könnten und wie man sich darauf vorbereitet. Und trotzdem bleibt vieles unplanbar. Gerade in der Tierfotografie hängt viel davon ab, ob die Tiere auch in Erscheinung treten. Das bedeutet auch: Nicht jede Reise bringt das erhoffte Ergebnis. Oft braucht es mehrere Anläufe, um wirklich gute Bilder zu machen. Marcel beschreibt das ganz nüchtern – manchmal klappt es einfach nicht. Und das gehört dazu.
Ein Thema, das Marcel immer wieder beschäftigt, ist die Frage, wie Bilder eigentlich entstehen – und wie wenig davon oft sichtbar ist. Viele Aufnahmen wirken spontan und natürlich, sind aber in Wirklichkeit vorbereitet: mit festen Ansitzen, bewusst gewählten Perspektiven oder sogar durch gezieltes Anlocken von Tieren. Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch daran ist. Aber es verändert die Wahrnehmung. Gerade auf Social Media entsteht dadurch oft ein verzerrtes Bild davon, wie einfach oder „echt" solche Aufnahmen sind. Und genau das sieht Marcel kritisch.
Wenn Marcel über Fotoreisen spricht, geht es ihm nicht nur um Technik oder darum, bessere Bilder zu machen. Vielmehr beschreibt er eine gemeinsame Erfahrung. Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen – manche mit viel Erfahrung, andere ganz am Anfang. Was sie verbindet, ist das Interesse an Natur und der Wunsch, genauer hinzusehen. Dabei entsteht oft ein Austausch, der über das reine Fotografieren hinausgeht. Man lernt voneinander, entwickelt ein Gefühl für Situationen und beginnt, Dinge anders wahrzunehmen.
Das Reisen hat Marcel geprägt – nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Er beschreibt die Zeit in entlegenen Gegenden der Welt als etwas, das ihn demütiger gemacht hat. Die direkte Begegnung mit der Natur, mit ihren Bedingungen und Grenzen, verändert den Blick auf vieles. Geduld und eine gewisse Gelassenheit gehören für ihn heute dazu. Dinge anzunehmen, wie sie kommen – auch wenn sie nicht planbar sind.
Am Ende bleibt die Frage, was ein gutes Foto eigentlich ausmacht. Für Marcel ist es nicht nur die Ästhetik oder die technische Perfektion. Ein gutes Bild kann einen Moment transportieren, eine Situation greifbar machen und eine Geschichte erzählen, ohne viele Worte zu brauchen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Fotografie für viele Menschen so eine besondere Rolle spielt. Nicht, weil man alles festhalten möchte, sondern weil Momente noch intensiver wahrgenommen werden können als in der Realität. Und manchmal reicht dafür ein einziges Bild.
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