Belize und das Riff – Fluch oder Segen?
Wenn man an Belize denkt, fallen einem sofort Bilder von weißen Sandstränden, türkisfarbenes Wasser, perfekt geschossene Unterwasserbildern oder Luftaufnahmen vom Blue Hole ein. Aber wie ist es denn wirklich am Belize Barrier Riff?
Ich bin völlig jungfräulich an die Sache herangegangen. Natürlich hatte ich ein ungefähres Bild vor Augen, aber wie es schlussendlich an der Küste vor Belize ist, war dann doch ganz anders. Bei meiner Reise hatte ich zunächst das Maya-Land im Osten und das unbekannte Belize im Süden des Landes kennengelernt (à la Reisebericht Teil 1). Nun sollte der Teil kommen, auf den viele Reiseanbieter Belize reduzieren: Sehnsuchtsort Karibik, einsame Strände, intakte Unterwasserwelt.
Anderes Verständnis der Fortbewegung
Meine Reise an die Küste begann mit einem einmaligen Erlebnis: Mit einer Cessna flogen wir von Punta Gorda nach Caye Caulker. Zwar sind die kurzen Hopperflüge nicht günstig, aber dennoch habe ich mich ein wenig wie im Linienbus gefühlt. Denn auf dem Weg nach Ambergris Caye hatte die Maschine einige Haltestellen, darunter Placencia, Dangriga und Belize City, wo wir umsteigen mussten. Überall stiegen Passagiere aus und ein, wurden Postpakete verladen, etc. Aus „einem“ Flug wurden also einige Flüge mit entsprechenden Starts und Landungen, jede davon mit ihrem eigenen Erlebnischarakter. Die eindrücklichste Landebahn hat wohl Placencia, nämlich einmal quer über die Landzunge. Man fliegt dabei „aufs Meer hinaus“, fast wie bei einem Flugzeugträger.
Ebenso surreal war das Check In Prozedere. Im auf gefühlt 16 °C Grad heruntergekühlten „Terminal“ in der Größe eines Containers gab es einen Check In Schalter, wo ich meine Ausweisdokumente vorlegen musste, und eine Boardingkarte erhielt. Hierbei handelte es sich um eine Plastikkarte, die ich beim Boarding dann wieder abgeben musste. Das Gepäck war streng reglementiert: 1 Aufgabegepäck und 1 Handgepäck. Gar nicht so leicht, wenn ein Tag voller Aktivitäten hinter einem liegt und alle Habseligkeiten kreuz und quer im Bus verstreut sind. Immerhin musste ich bei den Flüssigkeiten keine besondere Sorgfalt walten lassen.
Nach Check In schließt sich das Warten am Gate an. Dabei konnte ich die Gepäckabfertigung beobachten (auf kleinen Bollerwagen) und den Fluglotsen, wie er das ankommende Flugzeug auf die Parkposition anwies. Genial!
Doch das Beste kam erst noch: Der Flug in der Abendstimmung. Wir flogen entlang der gesamten Küste bis nach Caye Caulker, über vorgelagerte Inselchen, grüne Sumpflandschaften, im Osten sah man die Schaumkronen des Riffs und im Westen die untergehende Sonne über den Maya Mountains. Ein ganz besonderer Moment.
Caye Caulker & Ambergris Caye
Mein Ziel war Caye Caulker und später noch Ambergris Caye. Diese beiden größeren Inseln zwischen Festland und Riff sind Bestandteil vieler Reiseprogramme. Anders als die sehr kostspieligen kleinen Privatinseln mit Luxusunterkünften, leben hier die Belizianer – größtenteils mit afrikanischen Wurzeln – und es haben sich kleine Ortschaften gebildet. Das ist auch der große Unterschied zu den einsamen Stränden, die man sich so vorstellt. Caye Caulker und San Pedro (Ambergris Caye) sind zumindest im Ortskern nicht einsam, sondern karibisch bunt, hier und da auch dreckig und im Backpacker-Style. Nichtsdestotrotz hat jede Insel ihren ganz eigenen Charme. Autos gibt es kaum, gängiges Fortbewegungsmittel ist der Golfcart oder auch einfach nur das Fahrrad. Anstelle von Supermärkten gibt es kleine Läden (nicht klimatisiert!) und viele Restaurants und Bars. Wer mit falschen Erwartungen auf die Inseln kommt, könnte enttäuscht werden. Wer echte karibische Stimmung sucht, ist richtig.
Aber auch hier gilt: Trotz laid-back Atmosphäre ist das Leben nicht billig. Belizes Küstenorte und vorgelagerten Inseln am Riff werden von nordamerikanischen Gästen bevorzugt angesteuert. Entsprechend haben sich gehobene Strandresorts entwickelt und die Preise sind mit denen in den USA zu vergleichen. Das gilt für Restaurantbesuche ebenso wie für Schnorchelausflüge und Trinkgelder. Habe ich auf meiner bisherigen Reise gut durchmischte Reisegruppen gesehen, so fallen wir auf den Inseln als Europäer direkt auf.
Zur Natur eines vorgelagerten Barrier Riffs gehört, dass das dahinterliegende Meerwasser flach ist und sich dort, wo Land auf Wasser trifft, meist Mangroven ansiedeln. Entsprechend haben Ambergris Caye und Caye Caulker an vielen Stellen keinen weißen Sandstrand, sondern eine dichte Mangrovenküste. Das sollte man wissen, wenn man sich nach Unterkünften umsieht, denn je nachdem findet man nicht den perfekten Badestrand vor, dafür aber meist einen Pool zur Abkühlung und eine Bootsanlegestelle für die eigentlichen Erlebnisse im Wasser: Das Schnorcheln am Riff!
Das zweitgrößte Barrier Riff der Welt
Ein „Must do“ auf den Inseln ist der Besuch des Riffs. Hier hat man mehrere Möglichkeiten von Schnorcheln, Tauchen oder Überflügen. Es gibt es eine Vielzahl an Touranbieter für Bootsausflüge „ans Riff“. Die klassische Tour, für die auch keine Vorkenntnisse benötigt werden, kombiniert Schnorchelgänge am Hol Chan Marine Reserve, dem ältesten Meeresschutzgebiet von Belize, und der Shark Ray Alley. Beide Spots liegen mittig zwischen Caye Caulker und Ambergris Caye und können bequem von beiden Inseln erreicht werden.
Zu solch einer Tour durften wir aufbrechen. Da unser Hotel einen eigenen Bootsanleger hatte, wurden wir direkt vor Ort abgeholt. Alternativ kann von den Ortskernen gestartet werden. Es gibt auch Spezialangebote wie eine Sunset Cruise auf einem Segelboot und Open Rum Bar. Für uns ging es mit einem kleinen Motorboot los, vorab ausgerüstet mit korallenfreundlichem Sonnenschutz, Wetshirts und Kopfbedeckung. Ich kann nur empfehlen nach jedem Schnorchelgang den Sonnenschutz insbesondere auf der Rückseite erneut aufzutragen. Ich musste diese Erfahrung schmerzhaft machen.
Shark Ray Alley
Unsere erste Station war Shark Ray Alley. Wie der Name schon erahnen lässt, hat man hier die Chance mit Haien zu schwimmen. Aber bloß keine Panik! Es handelt sich um ungefährliche kleine Ammenhaie. Bevor wir uns den Haien zum Fraß anbieten konnten, gab uns der Schnorchelguide eine erste Einführung. Spätestens zu diesem Zeitpunkt lässt sich erkennen, ob man einen Touranbieter für sanften und nachhaltigen Tourismus gefunden hat. Zu der Einführung in das Schnorcheln am Riff gehört nämlich nicht nur der sachgemäße Gebrauch von Flossen, Schnorchelbrille und Schnorcheln, sondern auch das Verhalten im Wasser: Die Korallen und Tiere dürfen selbstverständlich nicht berührt werden, aber auch auf den eigenen Flossenschlag ist zu achten flach im Wasser liegen und ruhig schwimmen ohne Sand aufzuwirbeln, Abstand wahren und natürlich alles an seinem Platz lassen. Für viele Menschen selbstverständliches Handeln, aber leider nicht für jeden. Auch die Haie werden von einigen lokalen Touranbietern nach wie vor angefüttert, so dass die Haie auch erwartungsvoll um unser Schiff herumkreisten.
Aber Spaß beiseite: Die Shark Ray Alley ist Heimat von Ammenhaien, vollkommen harmlose und entspannte Fische. Dennoch blieb auch bei mir ein Grundzweifel, der mich aber nicht davon abgehalten hat, den Sprung ins Wasser zu wagen. Nachdem sich mein Puls etwas beruhigt hatte, tauchte ich in eine gänzlich andere Welt ein. Ich ließ mich flach vom Wasser tragen, das Seegras schweifte wenige Meter unter mir am Meeresboden, die Haie zogen unbeeindruckt ihre Kreise und hier und da gelang mir sogar ein Bild mit der Unterwasserkamera Wasserdichte Hülle um Smartphone.
Hol Chan Marine Reserve
Nach diesem ersten Testlauf ging es weiter zur Hol Chan Marine Reserve. Der Namen Hol Chan stammt von den Maya und bedeutet übersetzt „Kleiner Kanal“. Wenn man sich dort unter Wasser begibt, versteht man auch gleich, was sie damit wohl gemeint haben: Hol Chan ist eine kleine natürlich Schlucht im Barrier Riff mit wunderschönen Korallenhängen und entsprechender Meeresfauna. Um dorthin zu gelangen, muss man zunächst eine kurze Schwimmstrecke über Seegraswiesen zurücklegen, bis man an den Rand des Riffs gelangt und sich unter einem „der kleine Kanal“ auftut. Ein ungeschultes Auge ist beeindruckt von der Korallenwelt, aber unser Guide deutete eins ums andere Mal auf kleine Meeresbewohner: hier eine versteckte Moräne, dort zwei Hummer beim Paarungskampf und in der Ferne eine heranschwimmende Meeresschildkröte. Ich wusste fast nicht, wo ich zuerst hinschauen sollte. Die Zeit verging wie im Flug, bis wir wieder den Rückweg antraten und glücklich ins Boot stiegen.
Die meisten Touren kehren nun wieder nach Ambergris Caye oder Caye Caulker zurück. Auf uns wartete aber noch eine kleine feine Station: Coral Garden, ein weniger bekannter Spot nahe Caye...
You better Belize it!
Das ist das Motto des Landes und so ist es auch. An jeder Wegbiegung gibt es etwas Neues zu entdecken: etwas Buntes, etwas Lautes, etwas Monumentales, etwas Beruhigendes, etwas Nachdenkliches, etwas Lustiges, etwas Scharfes, etwas, was man nicht erwartet hätte. Ich würde jederzeit wieder hinreisen und noch die vielen anderen Orte und Erlebnisse (be)suchen, die auf einen warten.
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